bei nachruf terror.

kk2

„Weißt du noch, vor zwei Monaten…“
„Ich habe dort um die Ecke gewohnt…“
„Geht es allen gut?“
„Die Freundin von (…) war dort, aber… “
„Es war so knapp, was wäre …“
„Mein bester Freund und sein Bruder…“
„Mein Bruder…“

Das sind die Sätze, die in den letzten Tagen in meinem Dunstkreis schwirrten. Sie kommen vielen bekannt vor und manchen zu bekannt. Es sind diese Sätze, die einen betroffen machen, die unsere Empathie ankratzen und unser Herz schneller schlagen lassen, uns den Atem rauben und uns Fragezeichen in die Brust drücken. Egal, auf welchem Teil der Karte unser GPS Signal uns verortet.
Es sind Sätze, die ich nicht oft sagen oder denken musste. Und die Male, die es so war, schmerzen immer noch. Ich hatte das Glück, an einem Ort aufzuwachsen, wo die Schmerzen die meine Familie ertragen hat, abgefedert wurden. An einem Ort, an dem Tod nicht an der Tagesordnung lag.

Mittlerweile liegt der Tod an der Todesordnung. Er findet sich täglich auf unseren Frühstückstischen, Nachtischen oder in unseren Betten. Er liegt gedruckt, getippt, prangend und platt dort. Zahlen, die unsere zehn Finger weitaus überreizen. Zahlen, die im Unterbewusstsein plätschern. An die man sich, excuse my language, ‚gewöhnt’.

Über 1000 Tote im Gaza Streifen.
Über 700 Tote im Mittelmeer.
Ein toter Junge bei Berlin.
224 Tote bei Flugzeugabsturz.

Über 40 Tote in Beirut.
120 Tote in Paris.
147 Tote in Kenia.

Und dann, wenn aus diesen großen Zahlen eine Geschichte, eine Person, ein Gesicht, ein emotionales Bindeglied wird, rüttelt es uns auf. Denn Gefühle kann man nicht kontrollieren. So wie es mir auch erging, als ich erfuhr dass eine Straßenecke, an der ich noch Monate zuvor mit Gin/Tonic im Plastikbecher in der Tür torkelte,nun in Blut getränkt war.
Das rechtfertigt nichts, vor allem nicht die Tode, die an verschiedenen Orten stattfanden und stattfinden werden. Aber es erklärt. Es regt an. Es regt auf. Und es sollte uns Einen. Und doch wird gestritten über Anteilnahme, es wird gerechtfertigt, es geht um das warum hier und nicht dort, warum dort und nicht hier, Gott gegen Gott, beten mit Hashtags, Filter gegen Peace-Zeichen, Wort um Wort. Und es ist gut, dass uns die Worte nicht verboten werden. Das wir mit Worten erklären. Das wir aufklären. Allerdings verwischt der übermoralische Rotstift unser geteiltes Leid, zieht membranähnliche Trennwände und spaltet erneut. Gerade da, wo die Zeit gekommen ist, Einigkeit gegen Etwas zu zeigen, dessen Kraft aus Spaltung und Zerrissenheit gezogen wird. Gerade in den Momenten, in denen wir, die das Leben atmen, gemeinsam Brücken bauen sollten.

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