monstera.

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In meinem Flur steht eine riesige Monstera. Die Fenster schauen hinaus auf einen weiten Hof, durchbrochen von einer hohen Wand mit rechteckigen Hotelfenstern. Neben der Monstera steht eine kleine Frau mit grauen Haaren, die mich fragend anschaut. Ob ich den Aushang gelesen hätte, dass der Legionellenbefall immer noch ernster Natur sei. Ich bestätige das und entrüste mich ihretwegen. Ihre Pflanzen, sie würden ihr eingehen, denn als Wohnungsbesitzerin müsse sie den Duschkopf selber kaufen – 140 Euro.
Und ihre schönen Pflanzen … Sie stellt sich mir als Ursula vor und erzählt mir, dass sie auf dem Weg in die Innenstadt sei, zum Viktualienmarkt. Dort könne sie Wasser holen, aus dem Brunnen. „Wussten Sie, dass man in München an allen Brunnen das Wasser trinken kann?“ Ursula wartet nicht auf meine Antwort. Sie schaut aus dem Fenster, auf den Gärtner.

Vor zwei Tagen begegnete ich dem Gärtner das erste Mal. Ein kleiner Mann mit nacktem, hervorstehendem Bauch und einer Tintenrose in Ewigkeit auf der rechten Brust eingeprägt. Breit aufgestellt stand er im Schatten des Baumes und goss bewegungslos mit einem Schlauch die Pflanzen. Der Schlauch hing schlaff auf halber Höhe, wie die Verlängerung seines Gliedes. Blümchen bewässern. Ein schüchterner Mann, ein Nachbar, gesellte sich zu ihm. Sie tauschten kurze Worte aus. Auf einmal ein lachendes Bellen:„Haaaaaaah,wären Frauen doch so wie Kaffeemaschinen. Bei akuter Verkalkung tauscht man sie einfach gegen eine Neue aus.“ Der Nachbar schaute mich aus falscher Scham entschuldigend an.

Dieser Zwerg, höre ich Ursula sagen, er ist einer von der fiesen Sorte. Seine arme Frau, eine reiche Opernsängerin, steckte er einfach in ein Pflegeheim, nachdem sie krank wurde. Und besuchen würde er sie nicht, nur ihr Geld verprassen. Bei den kleinen Jungen am Rande, Nachts auf der Tankstellentoilette. Bedeutungsheischend weiten sich Ursulas Augen. Und seine Frau, die Arme, sie rotte vor sich hin. Ursula fährt manchmal zu ihr, aber auch sie kann nicht mehr so oft hin. Ihre eigene Krankheit setze ihr immer mehr zu. Und zwei Kranke, das verträgt sich schlecht. “… und wissen Sie, trotzdem tanze ich jeden morgen, mindestens eine Stunde. Immer zu türkischer Musik, denn die mag ich am liebsten.”

Wir laufen zu den Mülleimern, die ich seit drei Tagen suche. Wir laufen, verlaufen und umlaufen uns. Der 70er Jahre Klotz, in dem Ursula, der Gärtner und, kurzzeitig, ich wohnen, ist groß und weit, gleich und irrend. Alles spiegelt sich in konsequentem Sozialismus wider. Dazu ist Ursula dement.
Erinnern an alte Sachen kann sie sich gut, sagt sie. Besonders an Lieder aus ihrer Jugend, das merke sie immer wenn sie zu ihrer Liederstunde ginge. Nur die neuen Lieder, diese fielen ihr schwer. Das störe sie aber nicht, solange sie sich an ihre Tanzschritte und Lieblingslieder erinnern könne. Und an ihren Lieblingsort, ihre kleine Heimat in der Türkei, wo sie jeden Sommer mindestens 8 Wochen in den Urlaub fährt. Nur mit Begleitung, sonst dürfe sie nicht mehr in ihrer Pension einchecken. Wegen der Demenz.

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